Fit im Klinikalltag: So schützen Ärzte ihren Bewegungsapparat
Beschwerden des Bewegungsapparats sind in Heilberufen auffällig oft vertreten. Orthopädin Dr. Sabine Bleuel erklärt im Gespräch, warum das der Fall ist und wie sich vorbeugende Maßnahmen in den Alltag integrieren lassen.
Typische Beschwerden im Arztberuf
Frau Dr. Bleuel, Sie beschäftigen sich mit Krankheiten des Bewegungsapparats. Warum gehören einige davon ausgerechnet für Ärztinnen und Ärzte zu den Berufskrankheiten?
Viele medizinische Berufe sind mit erheblichen physischen Anforderungen verbunden. Denken Sie an langwierige Operationen, komplexe zahnärztliche Eingriffe oder an das ständige Gehen und Stehen in Klinik, Praxis oder Apotheke. Diese Tätigkeiten beanspruchen den Körper dauerhaft. Hinzu kommt ein hoher beruflicher Leistungsdruck, der nicht selten dazu führt, dass die eigene Gesundheit in den Hintergrund rückt.
Worauf sollten die Kolleginnen und Kollegen denn achten?
Symptome sollten ernst genommen werden. Gerade bei persistierenden Beschwerden sollte frühzeitig eine fundierte Diagnostik erfolgen. Ein offener Umgang mit dem Thema ist essenziell – nicht zuletzt im Sinne der eigenen Vorbildfunktion gegenüber Patienten.
Was sind typische Beschwerden?
Wenn man den Tag über viel steht oder läuft, kann das die Gelenke an den Vorderfüßen überlasten. Dadurch kommt es zu einem Absinken des Fußgwölbes, oft auch im Zusammenspiel mit einer Verbreiterung des Vorfußbereichs – einem sogenannten Senk Spreizfuß. Von einer solchen Fußfehlstellung gehen infolge leider oft weitere Probleme aus. Wenn ich mir aufgrund von Schmerzen im Fuß eine Schonhaltung angewöhne, führt es dazu, dass ein Bein weniger belastet wird. Das kann wiederum einen Beckenschiefstand nach sich ziehen, durch den Schmerzen über das Iliosakralgelenk bis zur Brustwirbel- oder Halswirbelsäule wandern.
Ein Problem führt also zum nächsten …
Schmerzt der Fuß, hinkt der ganze Mensch. Wir sind vernetzt von Fuß bis Kopf und Kopf bis Fuß. So ist unser System aufgebaut.
Dr. Sabine Bleuel
Sie ist niedergelassene Orthopädin, Unfall-, Hand- und Fußchirurgin in Hamburg. Zu den Gefahren und der Vorbeugung von Erkrankungen des Bewegungsapparats spricht sie regelmäßig in Funk und Fernsehen. Sie ist Co-Autorin des Buchs „Gruß vom Fuß“.
Zwangshaltung und präventive Maßnahmen im Arbeitsalltag
Viele Medizinberufe zwingen dazu, in ungünstiger Körperhaltung zu arbeiten. Welche Rolle spielen diese Zwangshaltungen?
Gerade in der operativen Medizin sind lang anhaltende statische Körperhaltungen unvermeidbar. Das kann insbesondere bei Zwangsrotationen oder protrahiertem Vorneigen Beschwerden der Hals- oder Lendenwirbelsäule verursachen. Auch Irritationen der Rückenfaszie bis hin zu Überlastungen, die Facettengelenksbeschwerden bis hin zu Bandscheibenvorfällen führen können. Beschwerden der Halswirbelsäule hängen oft damit zusammen, dass über lange Zeit eine ungünstige Kopfhaltung eingenommen wird, vor allem, wenn man bei der Arbeit lange nach unten schaut. Sobald der Kopf um 15 Grad nach unten hängt, ist er vier- bis sechsmal schwerer. Deshalb habe ich viele Zahnärztinnen und Zahn-ärzte in der Praxis, die mit Nackenschmerzen zu mir kommen. Wer das ignoriert, riskiert auf Dauer einen Bandscheibenvorfall.
Welche präventiven Maßnahmen kann ich ergreifen, um diese Erkrankungen bestmöglich zu vermeiden?
Prävention beginnt mit Selbstreflexion: Welche Haltung nehme ich ein? Wie lange bleibe ich in dieser Position? Zur indirekten Entlastung der Halswirbelsäule sind gezieltes Rückentraining, Dehnen und Krafttraining der Brustwirbelsäule wichtig. In jungen Jahren kann unser Körper vieles noch kompensieren. Es wird mit zunehmendem Alter also immer wichtiger, einseitige Belastungen mit Sport auszugleichen. Außerdem empfehle ich, darauf zu achten, wie ich meine Arbeit strukturiere. Vielleicht muss ich keine fünf Operationen in gebückter Haltung hintereinander durchführen, sondern kann meine Tagesplanung abwechselnd gestalten. Auch die bewusste Integration von Mikropausen oder der Wechsel von statischer zu dynamischer Belastung im Arbeitsalltag können präventiv wirken.
Am Apothekentresen ist das schwierig. Wie kann ich dort mit den Folgen des vielen Stehens umgehen? Wenn ich Schmerzen dadurch habe, immer an der gleichen Stelle zu stehen, kann ich mir genau an diese Stelle eine Weichschaummatte legen, das entlastet die Fußmuskulatur. Wenn ich stattdessen im Krankenhaus viel auf den Beinen bin, ist es wichtig, die richtigen Schuhe zu tragen.
Was sind die richtigen Schuhe? Und was sind die falschen?
Gerade bei Tätigkeiten im Stehen – etwa am Apothekentresen oder während Visiten – ist das richtige Schuhwerk essenziell. Was man auf einigen Stationen an den Füßen sieht, ist manchmal katastrophal. Ich habe als junge Ärztin selbst Ballerinas getragen, die keinerlei Dämpfung boten. Damit habe ich mir einen Fersensporn zugezogen, der sich zu Schmerzen im unteren Rücken ausgeweitet hat. Ich bin mittlerweile ein großer Fan von Turnschuhen. Ich zeige Ihnen mal kurz meinen Schuh: Sehen Sie, das ist ein Turnschuh mit einer weichen gebogenen Sohle, damit habe ich eine gute Aufrichtung des Körpers und unten einen Stoßdämpfer. Manche tragen auch gern Birkenstock, die haben ein gutes Fußbett. Ich würde allerdings ein geschlossenes Modell wählen oder bei Sandalen darauf achten, dass sie hinten fest am Fuß sitzen, damit die Achillessehne nicht überreizt wird.
"Schmerzt der Fuß, hinkt der ganze Mensch."
Dr. Sabine Bleuel
Ergonomische Hilfsmittel und Arbeitsplatzgestaltung zur Entlastung
Gibt es außer Schuhen noch andere Hilfsmittel, die eine gesündere Körperhaltung unterstützen können?
Zahnärztinnen, OP-Personal und Laborfachkräfte arbeiten oft in gebeugter oder verdrehter Haltung. Hier helfen Lupenbrillen mit angemessener Brennweite, Spiegeltechnik oder ergonomisch ausgerichtete Behandlungsstühle, die den Blick- und Arbeitswinkel optimieren. Auch das bewusste Einüben eines aufrechten Sitzes mit paralleler Kopfhaltung wirkt präventiv gegen Verspannungen.
Welche ergonomischen Anpassungen können Kliniken, Praxen und Apotheken vornehmen, um den Bewegungsapparat der Beschäftigten zu entlasten?
Als Praxisvertretung habe ich einmal Sprechstunden in einer anderen Arztpraxis abgehalten. Dort stand der Schreibtisch schräg zur Tür, sodass ich mich mehrfach am Tag, wenn Patienten hereinkamen, ungünstig zur Seite drehen musste, worauf mir nach kürzester Zeit das rechte Knie am Innenbandbereich schmerzte. Also habe ich den Schreibtisch kurzerhand umgestellt, und damit waren die Schmerzen verschwunden. Die Arbeitsumgebung sollte darauf hin geprüft werden, ob sie zu Bewegungen und Haltungen führt, die Probleme verursachen. Und wenn ja, muss man überlegen, was sich ändern lässt. Wenn ich lange stehen muss, kann ich vielleicht einen Barhocker benutzen, um mich zwischendurch anlehnen zu können. In Apotheken sollte auf die richtige Arbeitshöhe der Monitore geachtet werden. Bestenfalls lässt sich die Höhe verstellen, oder es gibt eine Box, auf die man sich stellen kann. Das gleiche gilt für Operateure im Krankenhaus. Da kann ebenfalls die kleinere Person einen Tritthocker nutzen, damit die größere sich nicht stundenlang bücken muss.
Bewegung und Prävention im Arbeitsalltag
Alle Belastungen werden sich im medizinischen Betrieb trotzdem nicht eliminieren lassen. Zur Prävention empfehlen Sie Sport, aber wie lässt sich das mit dem oft stressigen Alltag kombinieren?
Es beginnt bei der Eigenverantwortung für Haltung, Bewegung und Ausrüstung. Bereits einfache Maßnahmen wie gutes Schuhwerk, ergonomische Arbeitsplätze und kurze Mobilisationsübungen können die körperliche Belastung erheblich reduzieren. Bewegung in den Alltag integrieren, ist wichtig. Zum Beispiel mit dem Rad oder zu Fuß zur Arbeit oder die Treppe statt den Aufzug benutzen. Wechselnde Arbeitshaltungen, um Überlastungsschäden vorzubeugen, ein ausgewogener OP-Plan und bestenfalls abwechselnd sitzen und stehen. Selbst kleine Routinen können effektiv sein: Spaziergänge in der Mittagspause, sportliche Einheiten in der Pause, sich überhaupt Pausen nehmen und nicht durcharbeiten. Und auf dem Hin- oder Rückweg für kurze Kräftigungsübungen ins Fitnessstudio, wenn auch nur für 10 bis 15 Minuten.
Haben Sie konkrete Vorschläge für Übungen am Arbeitsplatz?
Um muskulären Dysbalancen und Verspannungen entgegenzuwirken, lassen sich kleine Bewegungsroutinen problemlos in den Klinikalltag integrieren. Rollen Sie zum Beispiel Ihre Fußsohlen während Pausen für zwei Minuten über einen Tennis- oder Igelball. Oder ziehen Sie zwischendurch beide Schultern bewusst nach oben und lassen sie kontrolliert sinken. Neigen Sie den Kopf zur Seite, als wollten Sie das Ohr zur Schulter bringen. Um Gelenkbelastungen zu reduzieren, kann man Unterlagen oder Antiermüdungsmatten nutzen. Gegen Stress hilft natürlich auch ein Powernap. Ein Kollege hängt sich ab und zu ein Schild an die Tür, auf dem steht: Bitte 15 Minuten nicht stören. Für das allgemeine Energielevel spielt natürlich auch die Ernährung eine wichtige Rolle.
Berufsunfähigkeit bei Ärztinnen und Ärzten
Ärztinnen und Ärzte brauchen eine Berufsunfähigkeitsversicherung, die nahtlos an die Leistung ihres Versorgungswerks anschließt. Gleiches gilt für Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker.
Ernährung und Umgang mit Beschwerden
Welche Defizite sehen Sie bei der Ernährung von Ärztinnen und Ärzten?
Im klinischen Alltag gerät eine ausgewogene Ernährung häufig ins Hintertreffen. Nicht selten wird Stress mit Zucker, Kaffee oder unzureichender Flüssigkeitszufuhr kompensiert. Eine bewusste Auswahl nährstoffreicher und energiestabiler Mahlzeiten ist essenziell. Nicht nur zur Leistungsfähigkeit, sondern auch zur physischen Regeneration.
Was kann ich tun, wenn ich bereits unter Schmerzen leide?
Bei bereits bestehenden Beschwerden steht die Ursachenerkennung im Vordergrund. In welchen Situationen verschlimmern sich die Symptome? Wie lassen sie sich vermeiden? Wenn ich einseitige Belastungen habe, kann ich meinen Tag anders strukturieren? Gezielte Pausen, ergonomische Anpassungen und achtsame Bewegungssequenzen sind entscheidend. Bereits kleine, regelmäßig integrierte Übungen, wie Nackenmobilisation oder isometrische Kräftigung, können eine spürbare Linderung bringen. Und natürlich Sport. Sport ist eigentlich immer die Lösung. Am besten etwas, das den ganzen Körper beansprucht: Krafttraining, Fahrrad fahren, schwimmen oder Yoga.
Stressbewältigung und Work-Life-Balance
Wie wichtig ist es, dass Ärztinnen und Ärzte über die Themen Bewegungsapparat und mögliche Störungen informiert sind? Sollten Fortbildungen in diesem Bereich stärker gefördert werden?
Unbedingt. Gerade im Krankenhausumfeld sind Überlastungssituationen alltäglich. Systematische Fortbildungen zu ergonomischer Praxis, körperlicher Selbstfürsorge und bewegungstherapeutischer Prävention sollten Bestandteil jeder ärztlichen Ausbildung sein. Auch praxisnahe Empfehlungen wie kostengünstige Fitnessangebote oder physiotherapeutisch begleitete Präventionsprogramme sind hilfreich.
Wie beeinflussen psychische Belastungen die körperliche Gesundheit von Ärzten? Welche Rolle spielt die Work-Life-Balance?
Die Korrelation zwischen psychischer Belastung und muskulärer Verspannung ist wissenschaftlich belegt. Ich kenne es aus dem Krankenhaus selbst, dass man immer funktionieren, immer Zeit haben und immer ein offenes Ohr haben muss, während man zehn Dinge gleichzeitig tut. Man versucht, allen Ansprüchen gerecht zu werden, und irgend-wann geht es dann nicht mehr. Dauerhafte Überforderung, ständige Reaktionsbereitschaft und fehlende Regeneration führen zu chronischer Anspannung. Oft manifestiert als Myalgie, Migräne oder Wirbelsäulenbeschwerden. Ein Bewusstsein für psychosomatische Zusammenhänge ist wichtig. Ebenso wie gezielte Strategien zur Emotionsregulation und Stressbewältigung.
Gelingt die Work-Life-Balance in der Niederlassung besser?
Die ambulante Tätigkeit erlaubt grundsätzlich mehr Autonomie im Umgang mit Zeit und Ressourcen. Dafür erfordert sie aber klare Grenzen und bewusste Regeneration. Minipausen, ritualisierte Erholung, zum Beispiel durch kurze Spaziergänge oder Atemtechniken. Und Priorisierung individueller Energiequellen wie Musik, Natur oder Sport können helfen, langfristig gesund und resilient zu bleiben. Wichtig ist eine realistische Selbsteinschätzung, nicht Überschätzung. Um die Psyche zu beruhigen, kann Meditation helfen oder man kann sich zwin-gen, an die frische Luft zu gehen, einen Spaziergang machen oder sich einfach mit einem Tee auf die Terrasse setzen und ins Grüne schauen. Arbeit muss nicht heißen, sich aufzubrauchen. Wenn man Zeit für Entspannung schafft – selbst wenn es nur zehn Minuten sind, in denen wir im Kopf loslassen –, ziehen wir nicht mehr die Schultern hoch und dann wird der Nackenschmerz auch besser.
Spezialisierte Beratung für Heilberufe
Ausgezeichnete Fachexpertise
Immer für Sie da
Partner im Heilberufenetzwerk