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Berufsunfähigkeit​

„Burn-out kann ein Freund sein“ 

5 Min.
Christoph Schäfer
von Christoph Schäfer
Kommunikation

Dr. Thomas Bergner berät Menschen, die am Burn-out-Syndrom leiden. Im Interview spricht er über die Ursachen und Gefahren des Erschöpfungs­syndroms - und über die Chancen, die es bietet.

Burn-out bei Ärzten und Ärztinnen

Herr Dr. Bergner, alle reden von Burn- out, doch oft scheint gar nicht klar, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Können Sie ihn kurz erklären?Dr. Thomas Bergner: Das Burn-out-Syndrom ist eigentlich recht klar definiert: Wir sprechen von einem emotionalen Erschöpfungs­zustand, der beruflich bedingt ist, und der mit Depersonalisation und einer zunehmenden physischen und psychischen Leistungs­einschränkung einhergeht. Das Ganze verläuft in drei Phasen. Wie sehen diese Phasen aus?In der ersten Phase sind die Betroffenen meist besonders aktiv und leistungsstark. Sie haben schon viel zu viel auf dem Teller, laden sich aber freiwillig noch mehr auf und fühlen sich dabei vordergründig gut. Dann kippt das: Sie fühlen sich zunehmend überlastet, grenzen sich ab, ihre Empathie wird weniger und sie greifen nicht selten zu Alkohol oder Schlafmitteln, um die Belastung aushalten zu können. In der letzten Phase besteht dann eine ausgeprägte Depression bis hin zur Suizidalität. Ärztinnen und Ärzte gehören zu den Berufsgruppen mit einem besonders hohen Burn-out-Risiko. Woran liegt das?Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ein wesentlicher Grund ist die zunehmende Fremdbestimmung, die Ärztinnen und Ärzte im Beruf erleben. Im Krankenhaus geben heute – anders als früher – Verwaltung und Investoren in vielen Bereichen den Ton an. Auch von Vorgaben und Dokumentations­pflichten der Krankenkassen fühlen sich viele Ärztinnen und Ärzte unter Druck gesetzt. Das wird als Verlust an Selbst­wirksamkeit empfunden. Mediziner, die gelernt haben, eigenständig zu entscheiden, die Richtung vorzugeben, leiden darunter oft besonders.

Dr. Thomas Bergner

Dr. Thomas Bergner

Er ist seit über 20 Jahren als Coach und Therapeut auf die Beratung von Burn-out-Betroffenen spezialisiert. Vorher war er an einer Universitäts­klinik und in eigener Praxis tätig. Viele seiner Klientinnen und Klienten kommen aus dem medizinischen Bereich. „Wir sprechen dieselbe Sprache“, sagt Bergner.

Arbeitszeiten nicht der einzige Auslöser

Welche Rolle spielen Arbeits­bedingungen im Alltag – Stichwort Nachtdienst?Natürlich sind viel zu lange Arbeitszeiten, der häufige Arbeitsplatz­wechsel, der in vielen Krankenhäusern gang und gäbe ist, oder die Tatsache, dass man nicht selten Leistungen erbringen muss, hinter denen man gar nicht steht, Faktoren, die zur Überlastung beitragen. Bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten kommen auch noch die unternehmerischen Aufgaben dazu. Trotzdem muss man auch ganz klar sagen: Die Arbeits­bedingungen sind nicht allein verantwortlich dafür, dass jemand einen Burn-out erleidet. Entscheidend ist, wie der oder die Einzelne mit den Bedingungen umgeht beziehungsweise aufgrund der eigenen Persönlichkeit damit umgehen kann.

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Burn-out trifft meist die Leistungsstarken

Das heißt, die Ursachen liegen auch in den Betroffenen selbst?Zumindest gibt es Persönlichkeits­züge, die anfälliger dafür machen, bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten. Besonders gefährdet sind Menschen, die man fachsprachlich als emotional instabil bezeichnet, denen also gewissermaßen die innere Führung fehlt. Das wird gerade bei Ärztinnen und Ärzten nicht akzeptiert: Alle – nicht zuletzt sie selbst – erwarten, dass sie immer genau wissen, wo es langgeht. Betroffene täuschen deshalb im Beruf oft eine Sicherheit vor, die ihnen eigentlich fehlt. Das macht sie zunächst keineswegs zu schlechten Ärztinnen und Ärzten, im Gegenteil. Oft sind solche Persönlichkeiten besonders leistungsstark, pflichtbewusst und empathisch. Aber das „Sich-Verstellen“ ist auf Dauer ungemein anstrengend. Das heißt, die Ursachen liegen auch in den Betroffenen selbst? Zumindest gibt es Persönlichkeitszüge, die anfälliger dafür machen, bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten. Besonders gefährdet sind Menschen, die man fachsprachlich als emotional instabil bezeichnet, denen also gewissermaßen die innere Führung fehlt. Das wird gerade bei Ärztinnen und Ärzten nicht akzeptiert: Alle – nicht zuletzt sie selbst – erwarten, dass sie immer genau wissen, wo es langgeht. Betroffene täuschen deshalb im Beruf oft eine Sicherheit vor, die ihnen eigentlich fehlt. Das macht sie zunächst keineswegs zu schlechten Ärztinnen und Ärzten, im Gegenteil. Oft sind solche Persönlichkeiten besonders leistungsstark, pflichtbewusst und empathisch. Aber das „Sich-Verstellen“ ist auf Dauer ungemein anstrengend.
Ist diese Persönlichkeits­struktur bei Ärztinnen und Ärzten besonders häufig?Es gibt unter Ärztinnen und Ärzten sicher genausoviele verschiedene Persönlichkeitsstrukturen wie in jedem anderen Bereich. Aber es stimmt schon, dass der Arztberuf für Menschen, die sich gern über Leistung und Stellung definieren, und damit ein Selbstwert­problem, eine innere Unsicherheit abwehren wollen, attraktiv ist. Es gibt schließlich kaum einen anderen Beruf, der ein so hohes Ansehen hat und bei dem schon im Studium Fleiß und Willen so entscheidend für den Erfolg sind. Gerade der Wille, den Mediziner in der Ausbildung ja sehr trainieren, ist es dann auch, der ihnen hilft, die Überlastung viel zu lange auszuhalten – bis wirklich nichts mehr geht.

Umfrage zu Arbeits­bedingungen und psychische Belastungen bei Ärztinnen und Ärzten

Hier die Ergebnisse einer Umfrage des Marburger Bundes Landesverband Berlin/Brandenburg im September 2019 unter 2.060 Ärztinnen und Ärzten zu ihren Arbeits­bedingungen und ihrer psychischen Belastung.

35 %
der Befragten erleben oft oder sehr oft Gefühle des Ausgebrannt­seins.
16 %
erleben gelegentlich, insgesamt 7 % oft, sehr oft oder immer Symptome von Depressivität.
45 %
denken einige Male im Jahr, 27 % einige Male im Monat, 4 % täglich an Kündigung.

Fehler nehmen zu

Spätestens dann wird es auch gefährlich für Patientinnen und Patienten ...Ja, auf jeden Fall! Die Zahl der Fehl­diagnosen und -behandlungen steigt mit dem Fortschreiten des Burn-outs. Die betroffenen Ärztinnen und Ärzte werden auch immer unsicherer, betreiben zunehmend Absicherungs­medizin: noch eine Überweisung zum Facharzt, noch eine Röntgen- oder Labor­untersuchung. Auch das kann für Patienten belastend oder gar schädlich sein. Außerdem verursacht es natürlich erhebliche Kosten. Wie kommt man aus der Burn-out-Falle wieder heraus? Einschlägige Ratgeber empfehlen meist Ruhe, Entspannung, eine bessere Arbeitseinteilung und Ähnliches. Das kann durchaus hilfreich sein, ist meines Erachtens aber zu kurz gesprungen. Denn auf viele Rahmen­bedingungen ihrer Arbeit haben Ärztinnen und Ärzte ja gar keinen Einfluss. Es kommt darauf an, sich bewusst zu machen, warum man zum Beispiel nicht Nein sagen kann, wenn wieder ein Sonderdienst ansteht, oder weshalb es einem so wichtig ist, dass der berufliche Status als Arzt auch materiell deutlich sichtbar ist. Die Ursachen dafür liegen meist in der eigenen Lebens­geschichte und sind sehr individuell. Entsprechend unterschiedlich können dann auch die Auswege aus der Krise aussehen. Das kann eine kleinere Korrektur in der aktuellen Position sein, im Zweifel aber auch ein Berufswechsel. Oder auch eine neue Weichenstellung im Privatleben.

„Gängige Ratschläge gegen Überlastung und Burn-out greifen meist zu kurz. Man muss das Problem bei der Wurzel packen.“

„Gängige Ratschläge gegen Überlastung und Burn-out greifen meist zu kurz. Man muss das Problem bei der Wurzel packen.“

Dr. Thomas Bergner

„Gängige Ratschläge gegen Überlastung und Burn-out greifen meist zu kurz. Man muss das Problem bei der Wurzel packen.“

Die richtigen Weichen stellen

Schafft man das ohne Hilfe von außen?Wenn man schon in einer Depression steckt oder Substanz­missbrauch vorliegt, ist professionelle Hilfe zwingend notwendig. Lediglich in der Anfangsphase ist Selbstdiagnose und -behandlung eine Möglichkeit für Ärztinnen und Ärzte. Mein Rat an Betroffene wäre: Besorgen Sie sich wirklich gute Informationen über das Burn-out-Syndrom und stellen Sie sich der Wahrheit, mit der Sie Ihre Patienten in gleicher Weise konfrontieren würden. Fragen Sie anschließend bei nahestehenden Menschen nach: Siehst du das auch so? Und entscheiden Sie dann, welche Therapie für Sie die richtige ist. Wichtig ist, auch wirklich konkrete Schritte zu tun, gegebenenfalls die eigenen Grenzen zu erkennen und auch Hilfe anzunehmen. Das ist für Mediziner, die sonst in der Rolle des oder der Helfenden sind, nicht immer einfach. Wie sehen die Erfolgs­aussichten einer Therapie oder eines Coachings aus? Wenn die Betroffenen das Problem einmal erkannt haben und bereit sind, es anzugehen: gut – gerade für Ärztinnen und Ärzte. Ich erlebe sie in meiner Coachingpraxis als sehr konstruktiv und diszipliniert, wenn es darum geht, konkrete Schritte aus den Erkenntnissen zu gehen. Dabei kommt ihnen auch ihre Ausbildung und Berufspraxis zugute. In Ihren Publikationen sprechen Sie manchmal vom „Burn-out als Freund“. Was kann denn da positiv sein?Wie jede Krise ist ein Burn-out auch eine Chance: Er macht mich darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt, ich etwas ändern muss. Ärztinnen und Ärzten zwingt er, sich noch einmal ganz grundsätzlich zu fragen: Warum habe ich diesen Beruf gewählt? Wie kann ich ihn so ausüben, dass er mir und meinen Patienten guttut? Es lohnt sich, die Antworten auf diese Fragen zu finden.

Berufsunfähig: Meist ist die Psyche schuld

Was tun, wenn man berufsunfähig wird? Im Ernstfall hilft die Berufsunfähig­keits­versicherung weiter. Mit finanzieller Unterstützung und einer individuellen Beratung. Haben Sie Fragen zum Berufsunfähigkeitsschutz? Ihr Berater bzw. Ihre Beraterin der Deutschen Ärzte Finanz informiert Sie gern persönlich. 

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